Sonntag, 2. August 2009

Interview mit der Autorin Helene Henke


Wir freuen uns sehr, dass wir die Urban Fantasy Autorin Helene Henke für ein Interview gewinnen konnten. Darin plaudern wir über Götter, Sahneschnittchen, Hausarbeit und dem Ursprung der Vampire... Das Übliche eben ;)


Liebe Helene,
schön, dass du dir die Zeit für uns genommen hast. Orchidee hat deine Bücher mit Begeisterung gelesen. Möchtest du dich den Lesern unseres Blogs einmal kurz vorstellen?

Helene Henke: Ja gerne. Mein Name ist Helene Henke, ich bin 44 Jahre alt, glücklich verheiratet und habe zwei tolle Söhne. Mein Leben ist so harmonisch, dass es nahezu ereignislos ist. Das ist allerdings nicht weiter schlimm, denn als Gegensatz dazu habe ich für mich das Schreiben entdeckt. So kann ich Abenteuer erleben so viel ich will ohne dabei Schaden zu nehmen.

l-e: Wann hast du das Schreiben für dich entdeckt?

Helene Henke: Spät. Sehr spät sogar. Obwohl mir Worte in meiner Kindheit und Jugend stets mehr bedeuteten als Zahlen, beschränkte sich das Schreiben weitgehend auf die Mitarbeit bei der Schülerzeitung, dem Verfassen von seitenlangen Briefen an meine Freundinnen und dem Dokumentieren niederschmetternder Gefühlschwankungen einer pubertären Liebe in meinem Tagebuch. Wobei diese Tagebücher letztlich der Schlüssel sein sollten. Während ich die alten, zum Teil tränenverschmierten Schriften zwecks Haltbarkeit in den Computer tippte, blieb es nicht beim schlichten Abschreiben. Nach und nach wurden die alten Aufzeichnungen zu einer Geschichte umgearbeitet, ohne dass ich mich davon abhalten konnte. Irgendwann war es dann fertig, mein erstes Manuskript. Allerdings in keinster Weise ausgereift oder gar publikationsfähig. Doch ich habe es geliebt, das Schreiben und die Zeit in der ich es tat, war voller inneren Frieden. Aber konnte ich eine eigene Geschichte erfinden? Ich tastete mich vorsichtig heran und überredete eine Freundin, mit mir gemeinsam ein Buch zu schreiben. Schnell sprudelten die Ideen, es entstand eine umfangreiche Fantasiegeschichte und obwohl die Zusammenarbeit grundsätzlich Spaß gemacht hatte, fand ich doch schnell heraus, dass ich meinen eigenen Weg gehen musste. Da meine Freundin nichts für Vampire übrig hatte, ich ihnen jedoch schon seit meiner Kindheit verfallen war, kam mir die Ausschreibung vom Sieben Verlag gerade recht. Noch während ich an unserem Gemeinschaftsprojekt mitarbeitete, fing ich an „Das Rote Palais“ zu schreiben.

l-e: Wer ist Leyla Barth?

Helene Henke: Manchmal werde ich gefragt, ob ich Kampfsport betreibe, weil Leyla Expertin in Kendo und Aikido ist und ich Kampfszenen sehr ausführlich beschreibe. In Wahrheit muss man mich im Kletterwald bereits vom ersten Parcours retten, weil ich die Nerven verliere.

Nein, ich bin nicht Leyla, aber sie ist durchaus eine Frau, wie ich es gerne wäre. Sie kämpft, ist sportlich, tapfer, attraktiv und tut all die Dinge, die in (m)einem realen Leben nicht möglich sind.
Besonders wichtig war mir ihr Alter. Mit 36 Jahren, hebt sie sich deutlich von den zahlreichen, zwanzigjährigen Heldinnen ab. Außerdem gefällt mir die Vorstellung, mit Leyla eine deutsche Antwort auf amerikanische Vampirgeschichten zu schaffen; eine reifere „Buffy“ oder eine weichere, sensiblere „Anita Blake“, aber dennoch taff.

Die Entwicklung von Leylas Charakter erwies sich demnach als recht komplex, weil sie reale und fiktive Eigenschaften vereinen sollte. So prägen sie auch einige Attribute, mit denen ich mich eindeutig identifizieren kann, z.B. ihre Toleranz gegenüber Andersartigkeit jeglicher Art.
Leylas Welt ist die Parallelwelt zu der Meinen und sie ist eine Art Spiegelbild zu einer anderen Dimension, eine Frau, die in den Tiefen des Unterbewussten von vielleicht vielen anderen Frauen existiert und in den Büchern die Gelegenheit erhält, ein wenig an die Oberfläche zu gelangen.

l-e: Rudger ist was Orchidee immer gerne ein „Sahneschnittchen“ nennt :) Gab es Vorbilder für ihn oder wie ist er dir das erste Mal erschienen?


Helene Henke: Natürlich ist Rudger ein „Sahneschnittchen“, er ist der 100% Mann *lach*
Er hatte ein reales und ein fiktives Vorbild, mein Mann und Jamie Fraser aus Diana Gabaldons „Feuer und Stein“. Wobei es im wahren Leben überhaupt keine 100% zu vergeben gibt, weil Menschen nun mal Menschen sind. Deshalb sage ich meinem Mann auch, dass er der 85% Mann sei, die höchste Stufe auf meiner persönlichen Skala. Tatsächlich steckt auch ein nicht unbeträchtlicher Anteil von mir selbst in Rudger, worüber ich irgendwann selbst überrascht war. Als ich die ersten Szenen aus Rudgers Perspektive schrieb, stellte ich schnell fest, wie leicht es mir fiel, mich in einen männlichen Charakter hineinzufühlen. Das war richtig spannend. Selbstverständlich habe ich bei bestimmten, körperlichen oder gedanklichen Gegebenheiten meinen Mann um Rat gefragt und war jedesmal überrascht, wie nahe seine Antworten dem kamen, was mir meine gute Portion Testosteron bereits zugeflüstert hatte. Seinen Charakter betreffend, verkörpert Rudger meine Vorstellung, wie es wäre ein Mann zu sein. Alles andere ist die Personifizierung eines 1A Sahneschnittchens. *lach*

l-e: Die meisten Autoren des Genres verlegen ihre paranormalen Welten nach Übersee oder zumindest Groß Britannien, und verwenden in erster Linie die angelsächsischen Mythen und Sagen, obwohl der Vampir an sich nach unserem Wissensstand ja doch eher eine Ur-Festland-europäische Gestalt ist. Woher stammt deine Vorliebe für germanische Sagen und Mythen?


Helene Henke: Der Ursprung des Mythos Vampir stammt aus Südosteuropa, ist aber weltweit in den verschiedensten Regionen wie Ghana, Griechenland, China oder Albanien vertreten. In Schottland nennt man Vampire übrigens Baobhan-Sith. Somit wäre es für mich naheliegend eine Geschichte in Großbritannien anzusiedeln, aber nicht nach Übersee. Doch warum in die Ferne greifen, wenn das Gute liegt so nah? Angelsächsische Mythen und Sagen sind wundervoll und ich lese es sehr gerne, wenn sie in Romane eingebaut sind. Mir gefiel die Idee, eine alte Sprache mit der „Alltagssprache“ zu mischen. In dem Moment, als ich mich dazu entschlossen hatte, meine Geschichten mythologisch anzuhauchen, lag es auf der Hand, dass ich mich aus der Schatztruhe unserer einheimischen Sagen bedienen wollte. Ich entdeckte ein altgermanisches Wörterbuch und war davon ebenso fasziniert wie von den gälischen Worten in englischen Texten.
Möglicherweise spielte auch mein Faible, mich für Dinge einzusetzen, die ansonsten eher stiefmütterlich behandelt werden, eine Rolle. Also fiel die Wahl auf die altgermanischen Sagen und Mythen inmitten eines deutschen Schauplatzes.

l-e: Wo würdest du deine Geschichten ansiedeln, sind die Bücher mehr romantisch oder mehr gruselig?

Helene Henke: Ich mag es gruselig und stellenweise auch blutig/ brutal, vermutlich weil es in meinem Leben so friedlich zugeht. Hätte ich mit Konflikten zu kämpfen, würde ich vermutlich leise, zarte Liebesromane schreiben. Wer weiß? Es ist die dunkle Seite, die in jedem schlummert und die bei mir auf diese Weise hervor tritt. Dennoch würde ich meine Bücher grundsätzlich romantisch nennen, weil im Vordergrund stets die wahre, große Liebe steht. Entgegen aller Hindernisse, schafft es einzig die Liebe, sich durchzusetzen.

l-e: Gibt es Themen über die du unbedingt noch schreiben möchtest?

Helene Henke: Im Moment nicht, obwohl mich ein historischer Roman u.U. reizen könnte. Doch wie schon erwähnt, scheint es bei mir eine klare Linie zwischen dem Genre, dass ich gerne lese und dem, in dem ich schreibe zu geben.

l-e: Hat sich seit der Veröffentlichung von Leylas Abenteuern etwas in deinem Leben verändert?

Helene Henke: Ja, ich habe eine Aufgabe und komme zur Ruhe. Mein Leben lang begleitete mich ein unstetes Treiben, das im verwirrenden Gegensatz zu meiner eigentlich Stetigkeit in Bezug auf Beziehung oder Wohnort, stand. Bemerkbar machte sich diese Unruhe im Berufsleben. Ich wusste nie, was ich wirklich wollte, bis jetzt. Ich wünsche mir, noch lange mit dem Schreiben fortfahren zu können.

l-e: Lass uns einen Moment über dein neuestes Werk sprechen. In „Der Gottvampir“ hast du eine Thematik gewählt die wir in der Art noch nicht gelesen haben. Da geht es um vergessene Götter die mit Hilfe von Vampiren auf Erden wandeln um so nahe bei ihrer Schöpfung, den Menschen, sein zu können. Diese Symbiose, Vampir/Gott ist ein hochinteressanter Aspekt im Buch. Gibt es da auch alte mystische Vorlagen dazu, oder wie ist es zu dieser Thematik gekommen ?


Helene Henke: Was die altgermanischen Sagen betrifft, so ist mir keine Form der Symbiose bekannt. In der Natur findet man sie häufig, da ein großer Teil der Bäume und Sträucher auf die Bestäubung anderer Spezies angewiesen ist. Mir ist die Idee gekommen, weil ich den Vampiren einen Platz in der Sagenwelt schaffen wollte. Da bot sich Hels Unterwelt nahezu an, da sie die Herrin über die Toten ist. Die nahezu unzerstörbaren Körper der Vampire, boten sich als Wirte für die „körperlosen“ Gottwesen an.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir ein Symbiose Wesen aus der Fernsehserie „Star Trek Deep Space Nine“ ein. Jadzia Dax ist ein vereinigter Trill. Die Spezies der Trill gibt es in einer humanoiden Form und in einer wurmähnlichen Form. Der „Wurm“ ist ein Symbiont, der die Erinnerungen aller seiner früheren Wirte in sich trägt. Da ich damals kaum eine Star Trek Folge verpasst habe, besteht die Möglichkeit, dass diese Daseinsform irgendwo in den Tiefen meines Unterbewussten schlummerte.

Grundsätzlich bieten unsere Sagen und Mythen jede Menge Stoff aus dem man Geschichten „stricken“ kann; eine schier unerschöpfliche Quelle.

l-e: Wie sieht dein Schreiballtag aus? Wie bekommst du Familie, Job und die Schreiberei unter einen Hut?

Helene Henke: Das klappt das ganz gut, vor allem, weil ich keine kleinen Kinder mehr habe. Meine Söhne sind in einem Alter, in dem sie akzeptieren, dass Mama am Schreibtisch nicht gestört werden will. Dennoch fordern auch Teenager ihre Aufmerksamkeit und die lästige Hausarbeit gibt es da auch noch. Doch meine Familie unterstützt mich sehr, so hat meine 75jährige Mutter es sich zur Aufgabe gemacht, die Wäsche und manchmal das Kochen zu übernehmen. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Da ich erst zu späten Nachtstunden zur Hochform auflaufe, schreibe ich meist dann, wenn die Welt still ist und muss, Gott sei Dank, nicht früh aufstehen. Da auch meine Arbeit im Kino frühestens um 14 Uhr beginnt, habe ich das große Glück, genau entsprechend meines Biorhythmus zu leben. Da ich auch andere Zeiten erlebt habe, kann ich das nur als Luxus empfinden.

l-e: Zum Schluss muss natürlich die Frage kommen: Welches sind deine Lieblingsbücher und Autoren?

Helene Henke: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich Lieblingsautoren habe, weil ich meine Bücher nach einem nicht vorherbestimmbaren Gefühl auswähle. Wenn mich die Geschichte anspricht, ist es völlig unerheblich, wer sie geschrieben hat. Es werden dennoch immer die historischen Romane bleiben, die einen enormen Unterhaltungswert für mich haben. Tief in meinem Innern, habe ich mich stets in meiner Zeit fehl am Platz gefühlt. Meine Eltern nannten mich immer Altertumsforscherin, weil ich mich schon früh mit Geschichte beschäftigt habe und wenig Interesse an modernen Ereignissen zeigte. Es ist doch ungeheuer praktisch in eine vergangene Zeit einzutauchen ohne den negativen Begleiterscheinungen wie mangelnde Hygiene oder Krankheiten.

Zwar hat bislang kein Buch eine derart große Faszination auf mich ausgeübt wie vor zehn Jahren „Feuer und Stein“ und seine beiden Folgebände. Danach schwächte es schon wieder ab. Allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass ich absolut alles lese, was Diana Gabaldon schreibt. Ebenso gibt es zahlreiche, wunderbare historische Romane. Gerade aktuell „Die Teufelshaube“ von Ariana Franklin, davor „Die Waldgräfin“ und ihre Folgebände von Dagmar Trodler oder „Die zwölfte Nacht“ von Charlotte Lyne, um nur einige zu nennen.

Auch wenn ich einige Vampirromane gelesen habe, die mir durchaus gut gefallen haben, so haben Lara Adrian, Laurell K. Hamilton und Co. niemals einen solchen Zauber auf mich ausgeübt, wie es die historischen Romane zu tun vermögen. Über Vampire schreiben, finde ich dagegen umso faszinierender.

l-e: Wir danken dir ganz herzlich für dieses schöne Interview und freuen uns auf weitere Geschichten aus deiner Feder.

weitere Infos auf http://www.helene-henke.de/

Illustrierte Leseproben von "Die Totenwächterin" findet man hier


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