Freitag, 18. Dezember 2009

Adventskalender 18. Dez. - Andrea Gunschera

18. Dezember


3 Fragen an: Andrea Gunschera


Liebe Andrea,
gibt es eine bestimmte Lektüre oder ein spezielles Buch, das von Ihnen an Weihnachten immer wieder hervorgeholt und gelesen wird, das für Sie ganz persönlich einfach zur Weihnachtszeit dazu gehört – auch wenn es beispielsweise gar kein klassisches „Weihnachtsbuch“ ist? Oder vielleicht eine bestimmte Sorte Bücher die an Weihnachten einfach sein müssen?


Da habe ich in der Tat ein Buch, das für mich irgendwie zu Weihnachten dazugehört, vielleicht weil ich es als Kind zu Weihnachten geschenkt bekam – auch wenn es ganz unweihnachtlich daherkommt: ‚Der berühmte Springfrosch von Calaveras‘ - ein Kurzgeschichtenband von Mark Twain. Das ist mein ganz persönliches Weihnachtsbuch – seit ungefähr 25 Jahren. Ein anderes Buch, das ich fast jedes Jahr zu Weihnachten lese (oder vielleicht jedes zweite Jahr) ist ‚Die fernen Königreiche‘ von Allan Cole & Chris Bunch – seit dem Kauf vor 10 Jahren mein unangefochtener Lieblings-Fantasy-Schmöker. Ach so, und dann natürlich ‚Die spanische Rose‘ von Shirlee Bushbee – das ist noch so ein typisches jedes-Weihnachten-wieder Buch von mir. Da fällt mir auf, während ich auf die Liste schaue, dass überhaupt kein richtiges Weihnachtsbuch dabei ist. Aber darf ich zum Ausgleich mit einem Film kommen? ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘ – den gucke ich wirklich jedes Jahr, und wenn ich ihn verpasse, bin ich totunglücklich ;-). Der ist auch wirklich sehr weihnachtlich.

Mit welchem Ihrer eigenen Buchcharaktere würden Sie gerne mal Weihnachten feiern und warum, wie und wo?

Oh, das ist eine gute Frage! Ich habe ja so einige Charaktere, die faszinieren mich sehr und ich liebe sie heiß und innig - solange sie zwischen den Buchseiten bleiben, denn im Dunkeln würde ich ihnen wohl nicht begegnen wollen. Ein Kandidat wäre aber sicher Nikolaj Fedorow, mein melancholischer Profikiller aus ‚Das dunkle Fenster‘. Nikolaj ist wundervoll – ein grüblerischer, kunstsinniger Intellektueller, mit dem ich gern einen langen Weihnachtsabend lang an einem Kamin sitzen würde, irgendwo in den libanesischen Bergen. Mondlicht verzaubert die Zedern in schwarze Silhouetten vor dem Schnee, während wir hinaus stapfen in den Hof, um mehr Feuerholz zu holen. Wir würden über die Vergangenheit philosophieren, über Revolutionsromantik, und wie die Grenze zwischen Gut und Böse zu flimmern beginnt, wenn man lange genug darauf starrt. Wir trinken Kaffee, schwarz mit Zucker und Kardamom, und später Wein. Und mein Blick bleibt immer wieder an seinen Fingern hängen. Er hat wunderbare Hände, schlank und elegant wie die eines Pianisten. Hände, die virtuos töten können. Oder lieben. Ich stelle mir lieber das Zweite vor. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und ich bedrohe ihn nicht.
Und sonst? Vielleicht Asâêl, der gefallene Engel, in ‚City of Angels‘ zu neuem Leben erweckt? Er wandelte zu einer Zeit über die Erde, als die Weihnachtsgeschichte noch nicht einmal geschrieben war. Vielleicht wäre Heiligabend eine gute Zeit, um viertausend Jahre Menschheitsgeschichte wiederzugeben? Und im Gegenzug würde er mir erzählen, wie Babylon war, der Mittelpunkt der Welt, funkelnder Edelstein an der Wiege der Zivilisation.

Haben Sie so etwas wie “mein schönstes Weihnachtserlebnis” oder eine besondere Erinnerung an die Adventszeit, die Sie gerne mit uns teilen möchten?

Vielleicht liegt es daran, dass man als Kind mit mehr Staunen auf die Welt blickt, aber die romantischsten und schönsten Erinnerungen an die Weihnachtszeit fallen in meine Kindheit. Ein alljährliches Ritual in der Adventszeit war für uns das Abdecken der Beete im Garten, aber auch der Familiengräber auf dem kleinen Dorffriedhof kurz vor Totensonntag, um die Blumen und Sträucher vor dem Erfrieren zu schützen. Um diese Zeit lag bereits tiefer Schnee und es war so kalt, dass der Atem vor dem Mund in kleinen weißen Wölkchen gefror. Nach dem Mittagessen fuhren wir in den Wald – mein Bruder, meine Mutter und ich, und schnitten Kiefernzweige. Das war eine anstrengende Arbeit. Harz verklebte die Handschuhe, und die Kiefernnadeln stachen durch die Wolle in die Finger. Wir Kinder bewarfen uns mit Schneebällen, und manchmal störten wir einen Feldhasen auf, oder sahen Rehe, weit entfernt auf den Feldern. Die Sonne versank hinter bleischweren Wolken und ließ die Dämmerung herauf. Das war das Signal, unsere Ausbeute auf die Ladefläche zu werfen und nach Hause zurückzukehren. Wenn wir ankamen, war es stockfinster. Der Schnee glitzerte im Licht der Laternen wie Zuckerguss im Märchenwald. Wir hauchten uns ununterbrochen in die Hände, um die Finger aufzuwärmen. Draußen im Hof sortierten wir die schönsten Zweige aus, um die Grabkränze daraus zu flechten und trugen sie in die Küche zu den Wachsblumen, die dort schon lagen. Und während auf dem Herd die Milch für den Kakao zu kochen begann, schälten wir uns aus unseren Stiefeln und den dicken Jacken, ich entzündete die Kerzen am Glockenspiel und unsere Mutter rührte Pfannkuchenteig an. Später saßen wir am Küchentisch, behagliche Wärme ließ Hände und Wangen prickeln und Glöckchen klingelten aneinander, während sich Kerzenduft im Raum ausbreitete. Und wir wussten, nun ist es nicht mehr lang bis Weihnachten.


Infos zur Autorin: Andrea Gunschera, geboren in Deutschland, studierte Industriedesign und arbeitete viele Jahre in der Computergrafik-Industrie. Ihr Thriller-Debüt, Das dunkle Fenster, erschien 2008 beim Sieben-Verlag. Engelsbrut ist ihr erster Urban Fantasy Roman und Startband einer neuen Reihe, City of Angels. Die Autorin lebt und arbeitet in Los Angeles.



Photo (c) Andrea Gunschera

Photo (c) http://www.dreihaselnuessefueraschenbroedel.de/


 
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