Dienstag, 2. März 2010

The Bronze Horseman / Die Liebenden von Leningrad - Paullina Simons (Rezension)

Ich habe mich lange gescheut diese Buchbesperechung anzugehen. Zum einen, weil ich mir nicht zutraue, der Intensität und der Emotionen des Buches und seines Nachfolgers gerecht zu werden - und zum anderen, weil ich weiß, dass viele Leute sofort die Schotten dicht machen wenn sie „2. Weltkrieg“ hören. Wenn man noch „Liebe“ und „Stalin/Sowjetunion“ hinzufügt ist man meistens innerhalb von einer Minute allein im Raum und man hört noch das Trappeln von sich entfernenden Füßen auf dem Flur ... ;)

Ich versuche es aber einfach mal. Vorsicht: Mega-Schmachtfetzenalarm!

Sommer 1941, Leningrad
Die 17-jährige Tatiana lebt zusammen mit ihren Eltern, ihrem Zwillingsbruder und ihrer älteren Schwester in einem 2-Zimmer Appartement in Leningrad. Sie teilen sich mit anderen Bewohnern der Wohnung die Küche und die sanitären Anlagen. So etwas wie Privatspähre kennt Tatiana daheim nicht, sogar das Bett teilt sie sich mit ihrer Schwester. Am Tag als der Krieg begann, aber für ein junges, lebenslustiges Mädchen, das sich unbeschwert bei ihren Einkäufen ein Eis gönnt, noch weit weg ist, begegnen sich Tatiana und Alexander das erste mal. Während sie da in ihrem Sommerkleidchen am Straßenrand steht und versonnen ihr Eis schleckt, bemerkt sie wie ein Soldat sie von der anderen Seite der Straße anstarrt. Diese Begegnung ist schon magisch und verändert das Leben der beiden mehr als sie es in diesem Moment erahnen.

Der Beginn einer unbeschwerten Liebesgeschichte könnte man meinen, aber weit gefehlt. Der Soldat, Alexander, ist nämlich Wochen zuvor Tatianas Schwester Dasha in einem Tanzclub begegnet und diese hat sich nach einem Techtelmechtel mit ihm unsterblich in ihn verliebt. Tatiana, die liebe, treue und loyale Seele, stellt ihre eigenen Gefühle hintenan und „überlässt“ Alexander ihrer Schwester. Aber auch Alexander hat sich auf den ersten Blick in Tatiana verliebt, dennoch finden die Liebenden nicht zusammen. Zum einen ist da Dasha, die Alexander nicht aus ihren Klauen lassen will, und Dimitri, ebenfalls ein Soldat der Roten Armee, der nicht nur Tatiana will, sondern auch Alexanders Geheimnis kennt, welches ihn in Lebensgefahr bringen kann. So sehen sich Tatiana und Alexander zwar oft, beginnen eine tiefe Freundschaft, aber ihre Liebe zueinander machen sie nicht öffentlich.

Dieses an sich schon melodramatische Liebes-Viereck in der Dämmerung des herannahenden Krieges, vor dem Hintergrund des einfachen Lebens unbescholtener Bürger in der stalinistischen Sowjetunion in den 40er Jahren, mag auf den ersten Blick trivial und sogar uninteressant aussehen, wäre da nicht Paullina Simons ungewöhnliche Sprache und ihr – vielen russischen Autoren angeborener – Sinn für monumentale Melodramtik. Diese hebelt sie dann wiederum aus, durch feinsinnige und wunderschöne, herzzerreißende aber im zweiten Teil des Buches durchaus "wärmende" *räusper* Szenen zwischen Tatiana und Alexander, gepaart mit intensivem Transport von Emotionen in jeder Zeile auf den Leser, wobei hier für mein Empfinden der Bogen ins Superkitischige nie überspannt wird, sich jedoch hin und wieder abzeichnet. Ich habe nur das englische Original (The Bronze Horseman) gelesen und hier sind viele der Dialoge der beiden - und auch was zwischen den Zeilen steht - unübertroffen und oft einzigartig.

Die Geschichte wühlt emotional auf, die Charakterzeichnungen hat sie anscheinend bewusst krass gestaltet, denn Tatiana ist beinahe schmerzhaft gut, Alexander ein höchst ungewöhnlicher tortured hero, Nebenfiguren mitunter strikt entweder dumm, gut, oder böse gehalten. Tatiana ist die personifizierte Liebe und Aufopferung, naiv und gleichzeitig unglaublich weise. Alleine das machte das Buch für mich schon lesenswert, ich könnte mir aber denken, dass das manchen auf die Nerven gehen könnte. Alexander ist einer dieser Bücherhelden mit einer Menge Ecken und Kanten, die einem unter die Haut gehen. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut wenn ich an manche Passagen in diesem Buch denke.

Simons schaffte es für meine Begriffe ausgezeichnet, die sprichwörtliche „russische Seele“ zu transportieren. Vielleicht malt sie manchmal etwas zu schwarz-weiß und ja, die Szenen während der deutschen Belagerung von Leningrad sind grausam, beklemmend und erschreckend realistisch geschildert. Paullina Simons verarbeitet hier die Erzählungen ihrer Großeltern. Sie selbst hat in der Wohnung von der sie erzählt bis sie 9 Jahre alt war gelebt. Eine weitere Faszination für mich hatten ihre Erzählungen von den Stadtmenschen, der Landbevölkerung und dem Leben eines Soldaten der Roten Armee. Ich fühle mich durch dieses Buch bereichert, kann viele Dinge die mir Großtanten, Großeltern und Eltern früher über ihre Kriegszeiten erzählt hatten, ich aber nicht immer hören wollte, nun mit ganz anderen Augen sehen. Es hört sich vielleicht albern an, aber als junger Mensch habe ich mir nie vorstellen können, das meine vom Krieg erzählenden Familienangehörigen auch mal jung waren, und was dieser Krieg, egal auf welcher Seite, für alle Menschen, ob Deutsche oder Russen, ob Zivilisten oder Soldaten, bedeutete, was er ihnen nahm, wie er die Überlebenden prägte. Ich fühle mich all diesen Menschen die mir davon erzählten durch dieses Buch heute näher und ich bedauere, dass ich ihnen oft in meinem mitunter angenervten Teenagerzustand nur halbherzig zugehört habe.

Trotz des Hintergrundes des 2. Weltkrieges ist dieses Buch aber kein Kriegsbuch. Es ist die Geschichte einer unfassbar tiefen Liebe. Bei all den schlimmen Dingen die den Helden in der Geschichte zustoßen und die Erlebnisse die sie haben, ist der Krieg selbst obendrein als verabscheuungswürdig dargestellt, nicht aber die kriegstreibende Nation. Es wird das System angeklagt, Krieg an sich so dargestellt wie er nunmal ist und er sich damals für die Menschen darstellte. Grausam. Unmenschlich. Dennoch führt die Lichtgestalt Tatiana den Leser und Alexander da durch und am Ende ist der 2. Weltkrieg auch kein anderer unmenschlicher, finsterer Schatten, als es zum Beispiel die Schlacht von Culloden für Diana Gabaldons Jamie und Claire war. Krieg ist Krieg und alle Kriege sind ausnahmslos schlimm. Ich hatte mich immer vor dem 2. Weltkriegsplot gefürchtet, davon Abstand genommen, aber es besteht im Prinzip kein Unterschied zu anderen Kriegen und Schlachten. Sie sind alle gleich furchtbar, ob napoleonisch oder amerikanischer Bürgerkrieg, erster und zweiter Weltkrieg ... Die Amerikaner sagen oft "it hits too close home", es schlägt zu nah daheim ein, vielleicht ist das der Grund warum die meisten Liebesromane immer andere Kriege als Hintergrund verwenden und auch den LeserInnen sich Nackenhaare bei dem Thema sträuben ... aber ich schweife ab :)

Mein Tipp: Wer sich auf dieses Epos einlassen möchte, der sollte unbedingt den zweiten Band „Tatiana und Alexander“ sofort mitkaufen. Während wir im ersten Teil fast alles aus Tatianas Sicht beschrieben bekommen, wird ein Teil der Geschichte in Band 2 nochmal, aber aus Alexanders Sichtweise beschrieben. Das holt manchmal Melancholie hoch, aber es gibt auch Aha-Momente und bringt dem Leser Alexander noch näher. Mir hat Band 2 fast noch besser gefallen.

Wenn ich mir nun meine Buchbesprechung so anschaue, muss ich feststellen, dass ich tatsächlich mit meinen Worten dem Buch nicht gerecht werden konnte. Ich möchte auch ungern spoilern. Daher mein Vorschlag: Wenn ihr mal wieder so richtig tief reinfallen wollt in eine Liebesgeschichte, die einen nie mehr loslassen wird, wenn ihr euch einlassen möchtet auf ein Buch epischer Art, das bereits mit „Vom Winde Verweht“ und „Doktor Schiwago“ verglichen wurde, das eine Feinsinnigkeit und Emotionalität beinhaltet die einen tief berührt, dann solltet ihr euch eines Tages an dieses Buch wagen.

Band 1: Die Liebenden von Leningrad (The Bronze Horseman)
Band 2: Tatiana und Alexander (Tatiana and Alexander od. The Bridge to Holy Cross)
Band 3: Land der Lupinen (The Summer Garden) (noch nicht gelesen)

Paullinas Simons Website


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Eure Cleopatra

 
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